Virun 100 Joer (1) – Die Februar-Revolution in der Luxemburger Presse

Der erste Beitrag zur Chronik der Ereignisse von 1917 beschreibt, wie die Ereignisse in Russland in den Luxemburger Zeitungen dargestellt wurden. In der linken Presse wurde Russland nun zum Vorbild für Luxemburg.

Renée Wagener

 

Am Anfang war der Hunger. Als sich in den Februarwochen 1917 die ersten Revolten in Petrograd ausbreiteten und die Menschen begannen, die Bäckereien zu stürmen, ging es um die katastrophalen Zustände in der russischen Lebensmittelversorgung. Die Bäckereien in Petrograd blieben geschlossen, weil sie wegen Mangels an Mehl kein Brot mehr backen konnten.

Am Anfang war der Hunger. Der Aufruhr in Petrograd war der Luxemburger Presse Anfang März zwar noch keine Zeile wert. Doch nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde auch in Luxemburg die Lebensmittelversorgung immer kritischer, und die verschiedenen Regierungen, die einander in der Kriegszeit ablösten, hatten ihre liebe Müh‘, auf internationaler Ebene Gehör zu finden, wenn sie um Lebensmittel „fechten“ gingen. Zu sehr hatte man die Besetzung des Landes durch deutsche Truppen – trotz Neutralitätsstatus – auf die leichte Schulter genommen, denn Luxemburg wurde deshalb als de facto-Alliierter Deutschlands angesehen.

„Welthistorisches Geschehnis“

Laut dem linksliberalen „Tageblatt“ gab es nun anstelle von Weißbrot nur noch Roggenbrot zu kaufen, jedoch nicht das würzige Roggenbrot der Vorkriegszeit, sondern eine zähe, klebrige Masse, für die man noch teuer bezahlen musste. Auch beim Fleisch sah es schlecht aus, obwohl der Fleischhandel im Unterschied zu anderen Waren noch frei war und es laut „Tageblatt“ nicht an Vieh fehlte. „Während wir im Kampfe ums liebe Brot Tag und Nacht alle möglichen Chancen einer besseren Ernährung erwägen müssen, mutet man uns auch noch Interesse am politischen Leben zu. Glücklicherweise leben wir im Zeichen des Burgfriedens […].“ [1]Und auch die Solidarität zwischen der Bauernwelt und der Arbeiterschaft, die in Russland hochgehalten wurde, funktionierte in Luxemburg nicht, im Gegenteil. Die Bauernschaft war für das Luxemburger Proletariat ein rotes Tuch, sie wurde für die Lebensmittelkrise und die hohen Preise verantwortlich gemacht.

Erst Mitte März konnte man im “Tageblatt” lesen, dass in Petrograd, Moskau und anderen russischen Städten Unruhen ausgebrochen seien. In Minsk stürmten die Volksmassen die Lebensmittelgeschäfte. Im katholischen “Luxemburger Wort” stand, die Arbeiter in Petrograd hätten zu Tausenden ihre Arbeit niedergelegt, und an vielen anderen Orten sei es zu Streiks gekommen.[2]

Die Regierung des Zaren wollte anfangs die Duma, das russische Parlament, auflösen, doch kam es dazu nicht. Die Duma beschloss, eine neue Exekutive zu bilden. Diese neue provisorische Regierung, hieß es im „Tageblatt“, werde von der Bevölkerung und von einem Teil der Armee aus der Hauptstadt gestützt.[3] Erst am Tag danach, am 17. März, wurde in der gleichen Zeitung ein schwedisches Presseorgan mit den Worten zitiert, die Revolution in Russland sei „ein welthistorisches Geschehnis von unabsehbarer Tragweite”.[4] Am selben Tag schrieb auch das “Wort” von einer Revolution in Russland.[5] Am 19. März, eine volle Woche nach dem Ereignis, bestätigte das “Tageblatt” die Nachricht, dass der russische Kaiser abgedankt habe, und druckte das Programm der neuen russischen Regierung ab, in dem es unter anderem um Meinungsfreiheit, Streikrecht, Abschaffung von Diskriminierungen und Einführung des allgemeinen Wahlrechts ging.[6]

Die Luxemburger Presse stand mit ihrem schlechten Informationsstand nicht alleine da. Auch in den anderen westeuropäischen Zeitungen dauerte es aufgrund der chaotischen Verhältnisse in Russland, der schwierigen Informationswege in der Kriegszeit, aber möglicherweise auch der Angst vor Zensur eine Zeitlang, bis klar wurde, dass das, was sich in Russland abspielte, mehr als ein Sturm im Wasserglas war.

Es war aber in Westeuropa und auch in Luxemburg am Anfang nicht nur die Arbeiterschaft, die die Revolution begrüßte. So konnte man in der Luxemburger Presse lesen, dass die britische Regierung unter Lloyd Georges die Duma beglückwünscht habe. Auch die USA unter Präsident Wilson, die am 6. April in den Krieg eintraten, entschieden überraschend schnell, die russische Regierung anzuerkennen. Russland war ja ihr Partner in der „Entente“ gegen Deutschland und die anderen Mittelmächte. Die russische Februar-Revolution wurde aber von Seiten der USA auch als eine weitere Ausweitung der Demokratie verstanden, und in vielen Reden wurden die Ereignisse in Russland mit den amerikanischen Revolutionskämpfen verglichen.

Das, was hier schon als Revolution bezeichnet wurde, war noch keine Infragestellung des wirtschaftlichen und politischen Systems an sich. Auch das Manifest der provisorischen russischen Regierung betonte, dass es in Russland endlich zur Einführung jener individuellen Freiheiten gekommen sei, die in den Revolutionstagen von 1905 schon zugestanden, bald aber wieder verweigert worden waren. In den ersten Wochen der Revolution sah es also eher so aus, als ob in dem großen Land endlich auch jene Elemente der Demokratie eingeführt würden, die es in Westeuropa schon gab, also zum Beispiel ein Parlament, das diesen Namen verdiente. Man muss sich vor Augen halten, dass die Duma erst 1906 eingeführt worden war, aber ohne wirkliche Einwilligung des Zaren, der das Land weiterhin in absolutistischer Manier zu regieren entschlossen war. Erst als sich absehen ließ, dass die provisorische Regierung in Russland, die eher von bürgerlichen Kräften gestützt wurde, sich nicht halten und die kommunistische Bewegung sich durchsetzen werde, veränderten sich diese Einschätzungen.

„Russland 200 Jahre vor Luxemburg“

Die sozialistische Bewegung in Luxemburg hatte gerade erst den Block von liberalen und sozialistischen Politikern gesprengt, der über zehn Jahre lang gemeinsam Front gegen die Klerikalen gemacht hatte, und schlug von da an kühnere Töne an. Die „Schmiede“, das linke Arbeiterblatt par excellence, befand Mitte März, noch ohne irgendeinen Bezug zu den Ereignissen in Russland, der Moment sei günstig, die Massen zu organisieren, „um für den siegreichen Klassenkampf nach dem Kriege zu rüsten”, und zeigte sich überzeugt, dass ein goldenes Zeitalter des Sozialismus vor der Tür stehe.[7] Erst Anfang April wurde dann in dem Blatt die russische Februar-Revolution thematisiert, indem mit ironischen Untertönen ein Vergleich zwischen Luxemburg und Russland aufgestellt wurde: „Noch vor wenigen Wochen standen die beiden Länder Luxemburg und Russland sich gleich an Gesetzen; Thron und Altar waren Trumpf. Auf einmal, ohne dem Schwesterland etwas davon zu sagen, ging das russische Volk hin, setzte seinen Kaiser ab, sperrte seine Regierung ins Gefängnis, die Gerichtshöfe wurden erstürmt, die Anhänger des brutalen Regimes wurden eingekerkert, eine neue Regierung wurde eingesetzt, ganz neue Gesetze wurden gemacht, ja sogar das allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht wurde eingeführt, alles zu Gunsten der werktätigen Volksmassen und Arbeiter.” Russland stehe damit, auf einen Schlag, 200 Jahre vor Luxemburg! In Luxemburg dagegen bestehe Freiheit nur auf dem Papier, sie gelte lediglich für die Kapitalisten und die dicken Bauern. Und auch mit der Gleichheit sei es nicht weit her: „Wann wird nun dem Luxemburger Land das freie, gleiche, direkte Wahlrecht gegeben? Wann die Verfassung abgeändert?”[8] In einem weiteren Artikel in derselben Ausgabe hieß es, die Luxemburger Sozialdemokratische Partei, die sich nun neu organisiert habe, begrüße mit Freuden, „daß das selbstherrliche Rußland auf dem Punkte ist, eine demokratische Republik zu werden”.[9] Russland sei auch gar nicht das einzige Land, in dem die Sozialdemokratie im Wachsen sei, es handele sich um ein verbreitetetes Phänomen.

In der „Schmiede“ wurde aber auch deutlich gemacht, dass man die Kriegszeit, in der der Spielraum für eine politische und soziale Umwälzung begrenzt sei, nutzen wolle, um die Arbeiterschaft und das aufgeklärte Bürgertum zu mobilisieren und die sozialdemokratische Bewegung zu stärken, denn „beim Friedensschluß werden wir unsere Stimme erheben müssen, um die uns aufgezwungene Haltung zu erklären und zu rechtfertigen. Wir müssen organisiert und bereit sein, um allen Unterdrückern, Autokraten und Kapitalisten die Stirne bieten zu können.”[10] Man wollte also, sobald der Krieg vorüber sei, in Aktion treten. Die sozialen Unruhen, die auch in Luxemburg direkt nach dem Waffenstillstand im November 1918 ausbrechen sollten, waren also vielleicht nicht so spontan, wie manchmal angenommen wird. Auf der anderen Seite zeigte sich aber auch schnell, dass viele Arbeiter nicht mehr bereit waren, ihre Situation länger zu ertragen. Schon Ende Mai 1917 sollte es in Luxemburg zu einem großen Streik kommen.

(Dieser Beitrag ist eine Übersetzung der luxemburgischen Radio-Version, die am Samstag, den 18.  März um 11:40 Uhr auf radio 100,7 gesendet wurde: https://www.100komma7.lu/program/episode/142492/201703181140-201703181150)

[1] Wochen-Revue, in: Tageblatt, 03.03.1917, 1.
[2] Stockholm, 14. März, in: Luxemburger Wort, 15.03.1917, 1.
[3] Russland, in: Tageblatt, 16.03.1917, 2.
[4] Zu den Vorgängen in Russland, in: Tageblatt, 17.03.1917, 1–2.
[5] Zur Revolution in Rußland, in: Luxemburger Wort, 17.3.1917, 2.
[6] Der Regierungswechsel in Rußland, in: Tageblatt, 19.03.1917, 1–2.
[7] Unser gutes Recht, in: Die Schmiede, 17.03.1917, 1–2.
[8] Luxemburg hinter Rußland, in: Die Schmiede, 07.04.1917, 2–3.
[9] Von der sozialdemokratischen Partei Luxemburgs, in: Die Schmiede, 07.04.1917, 3.
[10] Aufruf an alle Sozialdemokraten Luxemburgs, in: Die Schmiede, 21.04.1917, 2–3.

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