Virun 100 Joer (7) – Die große Oktober-Revolution

Anders als heute erlebten die Menschen in Westeuropa die Februar-Revolutioun 1917 weit stärker als Zäsur als jene im Oktober. Und im Unterschied zum Februar wurde sie auf politischer Seite auch längst nicht von allen begrüßt.

Foto: Sturm auf den Petersburger Winterpalast 1917. Nachstellung von 1920, in: Wikicommons

„Etwas nach 6 Uhr griffen die Truppen des Sowjet unter Führung der Bemannung des Kreuzers „Aurora“ den Winterpalast an, welcher scheinbar der letzte militärische Punkt der Stadt war, in dem die vorläufige Regierung noch festen Fuß hatte. Die Maschinengewehre waren die ganze Nacht am Winterpalast und in den angrenzenden Straßen tätig. Der Winterpalast wurde von Regierungstruppen verteidigt, die das Feuer beantworteten. Um Mitternacht war noch ein heftiges Gefecht im Gange. Die bewaffneten Automobile des Sowjets griffen in den Kampf vor den Toren des Palastes ein. Zu gleicher Zeit eröffnete der Kreuzer das Feuer. In anderen Teilen der Stadt wurde wiederholt beschossen. Die Sowjet-Truppen taten ihr Möglichstes zum Schutze der Bürger, die Befehl erhalten hatten, innerhalb der Häuser zu bleiben.“ [1]

Mit der Besetzung des Winterpalasts in Petrograd am 7. November 1917 war das Schicksal der bürgerlichen Regierung, die sich in Russland nach der Februar-Revolution formiert hatte, besiegelt. Zu lange hatte sie gezögert, dem Verlangen der kriegsmüden Bevölkerung nach Beendigung des Krieges nachzugeben und Friedensverhandlungen mit Deutschland einzuleiten. Die Stunde der Boschewiki hatte geschlagen.

Kein Thema

Quelle: e-luxemburgensia

Die Notiz aus dem „Tageblatt“ in der Ausgabe vom 12. November 1917 ist eine von vielen, die sich mit der Oktoberrevolution in Russland befassen. Im „Luxemburger Wort“ wurde sogar eigens eine neue Rubrik „Die neue Revolution in Russland“ eingerichtet. Es ist jedoch auffallend, dass die wichtigsten Luxemburger Zeitungen die Umwälzungen in Russland lediglich mit Agenturmeldungen abdeckten. In den linken Zeitungen „Die Schmiede“ und „Der arme Teufel“ war bis in den Dezember hinein von dem Ereignis überhaupt nicht die Rede.

Stattdessen beschäftigte man sich mit den Missständen im besetzten Luxemburg: Der Winter 1917 war hinsichtlich der Lebensmittelversorgung besonders schlimm, und die Zeitungen waren voll von Regierungsmitteilungen zur Ausgabe von Kartoffeln, Speck, Butter, Mehl und Leder, aber auch mit Protestbriefen aus der Bevölkerung und Reaktionen von Produzentenverbänden. Beim „Luxemburger Wort“ kam noch ein durch den Krieg verursachter Papiermangel hinzu. Wenn überhaupt Leitartikel gedruckt wurden, dann solche zur permanenten Regierungskrise in Luxemburg, zur Monarchie oder zur bevorstehenden Verfassungsreform.

Auch im Parlament war Russland kein Thema – anders als noch im Frühjahr, als sogar auf den Bänken der Rechtspartei die bürgerliche Februar-Revolution in Russland begrüßt worden war. Das ist jedoch weniger erstaunlich, als es den Anschein hat. In der zeitgenössischen europäischen Wahrnehmung wurde die Februar-Revolution in Russland weit stärker als Zäsur aufgenommen als jene im Oktober. Überhaupt hatten die Menschen noch keine klare Vorstellung von den dortigen Vorgängen und auch nicht von ihren Protagonisten. Kein Wunder, dass das „Tageblatt in einer seiner November-Ausgaben, in der es Fotos von Lenin und Trotzki brachte, die Bilder der beiden Revolutionsführer verwechselte. [2]

Das „Tageblatt“ druckte auch die Bedingungen ab, die die Arbeiter- und Soldatenräte für Friedensverhandlungen aufgestellt hatten. [3] „Land, Brot, Frieden“ war ja das Motto der Revolution gewesen, und zu den ersten Aktivitäten der neuen Regierung gehörte die Initiative zur Beendigung des Krieges. Anfang März 1918 wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk geschlossen, mit dem Sowjetrussland aus dem Weltkrieg ausschied. Nur zwischen den Zeilen konnte man herauslesen, was das „Tageblatt“ von der Oktober-Revolution hielt. In der gleichen Ausgabe der Zeitung wurde nämlich gemeldet, dass in Petersburg die Empörung über die Bolschewiki immer größer werde und dass in Moskau die „Roten Garden“ geschlagen worden seien. „Die Beendigung des Abenteuers der Bolscheviki ist eine Frage der nächsten Tage und Stunden.“ Einige Tage später jedoch hieß es: „Im großen und ganzen scheint die Lage in Russland derzeit verzweifelter denn je zuvor zu sein. Es herrscht ein unbeschreibliches Chaos, niemand weiß, was die nächsten Stunden bringen können.“ Die Meldungen widersprächen einander. „Sicher scheint nur zu sein, daß Lenin Herr der Hauptstadt ist, dass seine Streitkräfte ständig zunehmen, und daß noch blutige Kämpfe bevorstehen, ehe es seinen Gegnern gelingen wird, ihm die Macht wieder zu entreißen.“ [4]

Auch aus anderen Meldungen der sozialliberalen Zeitung sprach die Hoffnung, dass sich die Bolschewiki nicht durchsetzen würden. Doch in den nächsten Wochen musste die Zeitung über deren weitere Stärkung, über die ersten Nationalisierungen und über die Auflösung von privaten Bankkonten berichten.

Auch im „Luxemburger Wort“, das schon seit dem Beginn des Jahrhunderts im Sozialismus seinen ärgsten Feind sah, gab es keinen Leitartikel zur Oktober-Revolution. Am 22. November wurde lediglich in einer Meldung zur Kenntnis genommen: „Die Regierung Kerenskis ist gefallen, da er keine Stütze im Lande hat. Die Bourgeoisie wollte ihn nicht, da er sich weigerte, eine Diktatur zu schaffen. Die revolutionäre Demokratie hatte das Vertrauen zu ihm verloren, da er sich in der Agrarfrage und der Friedensfrage auf einen anderen Standpunkt stellte. Die Bolschewiki haben im ganzen Lande großen Anhang […].“ [5]

Klassenkampf in Luxemburg

In der „Schmiede“, seit Oktober offizielles Organ der Sozialistischen Partei, wurde aber zumindest die Idee der Revolution aufgegriffen. Anfang Dezember war zu lesen, es sei falsch, dass die Sozialdemokratie den Klassenkampf erfunden habe. Nein, die Bewegung sei aus dem Klassenkampf geboren worden, und die Schuld daran trage einzig und allein die Bourgeoisie. Dass man in Luxemburg noch kaum von größeren Zusammenstößen gehört habe, beweise nur, dass die Arbeiterklasse sich ihrer Lage noch nicht bewusst sei. Jedoch: „Die Arbeiterschaft beginnt zu erwachen und sieht, wie sie seitens der Herrschenden als Parias behandelt wird und dementsprechend wie ihr Klassenbewusstsein erwacht, wird sie auch ihre Rechte fordern – nicht bitten.“ Nur die Arbeiterklasse selbst könne sich vom Joch des Kapitals befreien. [6] Das waren deutliche Töne, auch wenn im Artikel die Russsiche Revolutioun nicht direkt erwähnt wurde.

Die republikanische und antiklerikale Zeitung „Der arme Teufel“ motivierten die Geschehnisse in Russland eher zu antiklerikaler Polemik als zu Aufforderungen zum Klassenkampf. Anfang 1918 drückte das Blatt seine Genugtuung darüber aus, dass in den neuen Republiken in Osteuropa, die nun wirkliche Kulturstaaten werden könnten, Thron und Alter keine Chance mehr hätten. [7]

Angehörige des Frauenbataillons, das den Winterpalast verteidigte, in: WIKICOMMONS

Im „Tageblatt“ hörte man die revolutionären Töne der Linken nicht gerne. Der Leitartikler des linksliberalen Blattes zählte in einem Silvester-Jahresrückblick zwar die Russische Revolution zu den markantesten Ereignissen des Jahres 1917, doch bleibe man – auch wenn jetzt im Parlament eine klerikale Mehrheit sitze – Verfechter einer antiklerikalen Koalitionspolitik, „welche die Gegensätze zwischen beiden Linken auf gütlichem Wege auszugleichen sucht. Dabei wird der Sozialismus mehr gewinnen als bei den bolschewistischen Methoden des Hrn. Jos Thorn und seiner Freunde. Wenn der größte Feind, der Klerikalismus, erst niedergerungen ist, bleibt noch Zeit genug, den Weg der Herren Thorn und Genossen zu beschreiten.“ Und an der Jahresschwelle rief das „Tageblatt“: “Fort mit dem Klassenkampf! Her mit der antiklerikalen Einheitsfront!” [8]

Der sozialistische Abgeordnete Jos. Thorn und seine GenossInnen standen aber gar nicht auf dieser Linie. Einen Monat später, Anfang Februar 1918, konnte man nämlich in der „Schmiede“ lesen, das allgemeine Wahlrecht, für das sich nun plötzlich alle Parteien aussprächen, genüge nicht, um Gleichheit zwischen den Klassen zu schaffen: „[M]an muß auch zu gleicher Zeit bereit sein, […] die neugeschaffenen Bürger von der ökonomischen Unfreiheit zu befreien, die auf ihnen lastet.“ In Deutschland und Frankreich, wo es das allgemeine Männerwahlrecht schon seit dem 19. Jahrhundert gab, habe das Volk trotzdem seine Fesseln nicht sprengen können. [9] Und eine Woche später wurde in derselben Zeitung gemeldet, dass der neu gegründete „Cercle d’Etudes socialistes“ eine Versammlung organisiert habe, bei der Jos. Thorn über Russland und die russische Revolution gesprochen habe. [10] Spätestens da war klar: Die Botschaft war auch in Luxemburg angekommen.

Quellen:
[1] Die Besetzung des Winterpalastes, in: Tageblatt, 12.11.1917, S. 2.
[2] Russland, in: Tageblatt, 13.12.1917, S. 2.
[3] Die vorläufigen Friedensbedingungen des Sowjets, in: Tageblatt, 13.11.1917, S. 1.
[4] Die beiden neuen Machthaber in Rußland, in: Tageblatt, 16.11.1917, S. 2.
[5] Die neue Revolution in Russland, in: Tageblatt, 22.11.1917, S. 1-2.
[6] Fort mit dem Klassenkampf??, in: Die Schmiede, 01.12.1917, S. 2.
[7] Waffenstreckung, in: Der arme Teufel, 17.02.1918, S. 1.
[8] Rückblick, in: Tageblatt, 31.12.1917, S. 1.
[9] Demokratie, nicht Plutokratie, in: Die Schmiede, 02.02.1918, S. 1.
[10] Cercle d’Etudes socialistes, in: Die Schmiede, 09.02.1918, S. 4.
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