Virun 100 Joer (2) – Dabei gewesen: Luxemburger in Russland

Als vor 100 Jahren in Russland die Revolution ausbrach und der Bolschewismus sich durchsetzte, waren auch Luxemburger dabei – die meisten allerdings eher unfreiwillig.

Renée Wagener

„Hierlands besteht wohl eine Verfassung, aber nicht für die Arbeiterklasse […]. Wir wollen gleichfalls wie die Russen rastlos für Umänderungen kämpfen, überall energisch für die russische revolutionäre Partei eintreten und auf Verschwinden des Blutzaren wie seiner Blutratgeber hoffen.“ So äußerte sich der Sozialdemokrat Jacques Thilmany auf einer Volksversammlung in der Stadt Luxemburg 1905, bei der ein russischer Revolutionär die Lage in Russland darstellte. [1] Bereits die erste russische Revolution erweckte also Interesse in Luxemburg.

Als das Schauspiel sich 1917 wiederholte und diesmal wirklich zum Sturz des Zaren führte, knüpften sich auch in Luxemburg manche Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen an die russische Revolution. Doch Russland war weit weg. Näher war da schon Deutschland mit seiner eigenen Revolution, die 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs begann und die eine Reihe von LuxemburgerInnen direkt miterlebten – zum Beispiel als Studierende in deutschen Städten. Andere, aus dem Arbeiter-Milieu, kamen im Ruhrgebiet mit der revolutionären Bewegung in Berührung. [2] Doch gab es auch einige, die in Russland selbst Bekanntschaft mit der Russischen Revolution machten.

Nach Russland verschlagen

„Luxemburger in Rußland“ – unter diesem Titel brachte die „Luxemburger Zeitung Anfang 1920 die folgende Notiz: „Hr. Max Rosenfeld, der hier in Luxemburg ein Ledergeschäft betreibt, wurde während des Krieges als Oesterreicher eingezogen, geriet in russische Gefangenschaft und wurde nach Tomsk in Sibirien gebracht. Es wurde ihm gestattet, an der Universität Tomsk die juristischen Kurse zu besuchen, und er promovierte schließlich mit einer völkerrechtswissenschaftlichen Dissertation über die Verletzung der Neutralität Luxemburgs. – Infolge des jüngsten österreichisch-russischen Gefangenenaustauschs konnte Hr. Rosenfeld nach Luxemburg zurückkehren. Wie er mitteilt, befinden sich zurzeit noch verschiedene Luxemburger als Zivilinternierte in Rußland, und zwar wohl meist auf Grund der amtlichen Unkenntnis ihrer Staatszugehörigkeit.“  [3]

Ölfelder in Baku, Quelle: WikiCommons.

Max Rosenfeld war also nicht der einzige, der unfreiwillig die Revolution miterlebte. Der Historiker Jacques Maas hat bereits darauf hingewiesen, dass um die Jahrhundertwende zeitweise fast die Hälfte der Luxemburger Ingenieure im Ausland arbeitete, weil es in Luxemburg für sie nur unzureichende berufliche Perspektiven gab. [4] Aufgrund ihrer Erfahrung in der Stahlindustrie waren sie gerade für Länder wie Russland interessant: Dort boomte die Industrie, und zwar mit Hilfe westeuropäischen Kapitals. Besonders in der Stahl- und Erdölindustrie machten Luxemburger Ingenieure oft Karriere. Das bedeutete aber auch, dass sie ohne Bedenken mit dem zaristischen System zusammenarbeiteten und auch die schlimmen Arbeitsbedingungen in der russischen Schwerindustrie hinnahmen.

Ein Dossier im Nationalarchiv zeigt, dass es einer Reihe dieser Ingenieure nicht gut erging. Zu Mathias Olinger, der in Taganrok in Südrussland ein Metallwerk leitete, wurde schon 1915 gemeldet, der russische General Pokotilo habe diesen Luxemburger “Untertan” für den Rückgang der Aktivität des Werkes verantwortlich gemacht, und damit für einen dem Staat und der sozialen Ruhe zugefügten Schaden. Deshalb müsse Olinger nach Irkutsk verbannt werden. [5] Olinger gelang es aber, nach Luxemburg zurückzukehren, er wurde Direktor des belgischen Stahlwerkes Athus-Grivégné.

Doch nicht immer war der Versuch, aus Russland wieder herauszukommen, erfolgreich. Weil sie von den Bolschewiki als Freunde des alten Systems betrachtet wurden, gerieten manche Luxemburger in Haft. Albert Becker, Chef einer belgischen Erdölfabrik in Groznyi, hatte sich 1919 für einige Monate in Luxemburg aufgehalten, ehe er wieder nach Groznyi zurückkehrte, das zu diesem Zeitpunkt bereits unter bolschewistischer Kontrolle stand. Im „Luxemburger Wort“ hieß es: „[…] confiant dans son étoile et dans l’équité bolchéviste. Hélas! Sa confiance aveugle dans la justice humaine a reçu la pire des déceptions.“ [6] Er wurde 1920 Gefangener der Bolschewiki und kam im Gefängnis um.

Die slavische Psyche

Auch der Geologe Michel Lucius war 1914 auf seiner Reise nach Russland vom Ausbruch des Krieges überrascht worden. In Baku im Kaukasus, wo er in der Erdölindustrie arbeitete, überstand er die Kriegsjahre leidlich, geriet nach der Revolution jedoch in zunehmende Schwierigkeiten.

Ausschnitt aus dem „Tageblatt“, Quelle: e-luxemburgensia

Dass Lucius über den kommunistischen Umsturz alles andere als begeistert war, kann man aus den Berichten herauslesen, die er Anfang 1923 über seine Zeit in Russland im “Tageblatt” publizierte. Die Zeitung lobte sie als objektive Schilderung der Entwicklungen: Zwei Jahre nach der Spaltung der Sozialdemokratie und der Entstehung der neuen kommunistischen Partei in Luxemburg dürfte Lucius’ kritische Einschätzung des Kommunismus der linksliberalen Zeitung durchaus willkommen gewesen sein.

Lucius glaubte an kollektive russische Eigenschaften, die sich nicht immer mit rationalen Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft in Einklang bringen ließen: „Jeder, der dieses Volk kennt, in seiner Unwissenheit, mit seinem orientalischen Fatalismus, seiner Neigung zur Untätigkeit seinem Mangel an fester Willenskraft, kann sich nur wundern, wie die ersten Führer der russischen Revolution eine Volksbewegung auslösen konnten, der sie notwendigerweise selbst zum Opfer fallen mußten. Daß das russische Volk manch gute Eigenschaften hat, ich bin der erste dies anzuerkennen, aber es hat auch seine Fehler, und die Revolution hat eben vor allem die Fehler der slavischen Psyche an die Oberfläche gebracht.“ [7]

Was man dem zaristischen Regime vorgeworfen habe – „Knechtung des Volkes, unverdiente Bevorzugung von Günstlingen, Verderbtheit und Habsucht der Regierenden“ – lasse sich ebenso im revolutionären Russland finden.[8] Lucius wies aber immerhin darauf hin, dass es unmöglich sei, in einem Land mit 75 Prozent Analphabeten etwas komplett Neues an die Stelle der alten Strukturen zu setzen.[9]

Die Früchte des neuen Systems

Auch von der Nationalisierung der Industrie hatte Lucius keine gute Meinung [10]; ebenso kritisierte er das neue System der Sowjets und Komitees: „Die große Masse, einer angeborenen Neigung nachgebend, ließ Pflug und Werkstatt und ging den unzählbaren Volksversammlungen nach […]. Denn Räte und Komitees gab es mehr als auch die zügelloseste Phantasie sich hätte ausdenken können, gab es doch sogar in den Schulen Schülerräte, die ihren Vertretern in den Lehrerrat delegierten und an der Front beschlossen sogar die Soldatenräte darüber, ob die Befehle der von ihnen gewählten Chefs auszuführen seien oder nicht.“

Schwer zu akzeptieren war für Lucius auch das neue Prinzip der Gleichheit zwischen Proletariat und Intellektuellen, weil „die ungebildete Masse in dem Mann der Geistesarbeit leicht einen Müßiggänger sieht. Teilt nun der Staat auch noch an Arbeiter und Betriebsleiter die gleiche Ration Brot und die gleichen Baumwoll-Kittel aus. dann natürlich findet die Masse ihr Urteil bekräftigt […]. Man stelle sich die Lage eines Geistesarbeiters in diesen einsamen Gegenden, tagaus tagein zwischen Bohrtürmen u. Fabrikanlagen, vor.“ Lucius erlebte aber auch die kommunistischen Eingriffe in die persönlichen Rechte: „Trotz schriftlichem Versprechen werden wir in zwei Zimmer relegiert und sollen Haus, Hof, Küche und Bad mit einem wildfremden Menschen teilen. Alle Bibliotheken und Musikinstrumente sind Eigentum der Gesamtheit. Jede paar Wochen erscheint eine Kommission, welche sämtliches Feder-, Woll- oder Borstenvieh zählt und kontrolliert.“ [11] Daneben berichtete er von den Gewaltaktionen der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka. [12]

Auch die Hungersnot, die Anfang der Zwanzigerjahre ausbrach, war für Lucius „mehr ein Ergebnis des kommunistischen Systemes als der Mißernte”. [13] Ganz anders sahen dies die Mitglieder der neuen kommunistischen Partei in Luxemburg. Im Sommer 1921 fand in Moskau der Weltkongress der Kommunistischen Internationale statt, zu der sich, unter Führung Moskaus, die kommunistischen Parteien zusammengeschlossen hatten. Von Luxemburg aus fuhren Edouard Reiland, Jean-Pierre Lippert, Zénon Bernard de Jean Bukowak und Jacques Ney nach Moskau. [14] Während ihre Berichte größtenteils in einem Funktionärsjargon gehalten waren oder aber in pathetischer Begeisterung schwelgten, hieß es in einem internen Papier von Bukovac, “dass die Lage in Russland, doch nicht allzu rosig ist. Es fehlt nämlich an Brot.” [15] Jacques Ney dagegen ging in der kommunistischen Zeitung “Der Kampf” offen auf die Lage in Sowjetrussland ein: “Die wirtschaftliche Lage Rußlands ist natürlich sehr schlecht, aber es ist vollständig unrichtig, der Kommunistischen Partei die Schuld zuzuschieben. Das Sinken der Produktion ist ausschließlich aufs Konto des Weltkrieges, des Bürgerkrieges und vor allem der Blockade zu setzen. Die russische Industrie ist zu wenig entwickelt gewesen und zu sehr abhängig vom Ausland, um sich von solchen Schlägen schnell zu erholen.“ [16] Die Entente-Mächte hatten bekanntlich kurz nach dem Krieg eine Wirtschaftsblockade gegen Sowjetrussland verhängt. Neys Hinweis auf die Abhängigkeit der russischen Industrie vom Ausland zeigt, dass der Industriekapitalismus aus der Zarenzeit, der auch Luxemburgern zugutegekommen war, auch etwas mit der Situation zu tun hatte.

Dieser Beitrag zum Medienprojekt „1917“ wurde am 29. April 2017 in einer Audio-Version von radio 100,7 ausgestrahlt. Mehr zum Medienprojekt auf 1917.woxx.lu.
Quellen:
[1] Zit. nach Wehenkel, Henri: Die russische Revolution aus Luxemburger Sicht, Luxemburg 1978, S. 14.
[2] Kovacs, Stéphanie: Communisme et anticommunisme au Luxembourg 1917-1932, Strasbourg 2000, S. 35, 97-98.
[3] Luxemburger in Rußland, in: Luxemburger Zeitung, 17.9.1920, S. 4.
[4] Maas, Jacques: La participation d’ingénieurs luxembourgeois à l’industrialisation de la Russie tsariste, in: Tageblatt, 11.11.1995, S. 15.
[5] ANLUX, AE-00630, Intervention du gouvernement en faveur des Luxembourgeois désireux de quitter l’Union Soviétique, 1915-1922.
[6] Mort de Titt Becker, in: Luxemburger Wort, 3.1.1923, S. 4.
[7] Lucius, Michel: Was ich in Sowjetrussland erlebte. I, in: Tageblatt, 20.01.1923, S. 1–2.
[8] Lucius, Sowjetrussland II, in: Tageblatt, 22.01.1923, S. 1.
[9] Ebda.
[10] Lucius, Sowjetrussland IX, in: Tageblatt, 07.02.1923, S. 1.
[11] Lucius, Sowjetrussland XIV, in: Tageblatt, 19.02.1923, S. 1-2.
[12] Lucius, Sowjetrussland XV, in: Tageblatt, 03.03.1923, S. 1.
[13] Lucius, Sowjetrussland II, in: Tageblatt, 22.01.1923, S. 1.
[14] Wehenkel, Revolution, S. 45.
[15] Zit. nach Kovacs, S. 196, Fn. 306.
[16] Zit. nach Wehenkel, Revolution, S. 50.
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